GESCHREVEN DOOR

Dorothee Elmiger (DE)
VERTAALD DOOR

Iannis Goerlandt (NL)

Koen De Smet (GB)
Altamont
20 November 2010
Im letzten August lag ich einmal fiebrig im Bett. Vor dem Fenster pfiffen die Vögel ständig hellwach und grell, so schien es mir. An einem dieser Fiebertage sah ich den Film Gimme Shelter, der das Konzert der Rolling Stones beim Altamont Speedway dokumentiert: Dezember '69 und die Leute erreichen den Norden Kaliforniens aus allen Himmelsrichtungen zu Fuss und in Bussen, sie tragen Decken über den Schultern, Seesäcke und Feuerholz, sie setzen sich auf die Hügel und warten und irgendwann betreten dann die Rolling Stones die Bühne. An den Rändern der Bühne die Hells Angels, die für Sicherheit sorgen sollen - einer verdreht ganz irr die Augen mit einem entsetzlichen Lachen, ich erinnere mich, ein bad trip. Das Konzert endet damit, dass ein junger Mann in einem hellgrünen Anzug von Alan Passaro, Hells Angel, mit einem langen Messer erstochen wird, als die Band gerade Under My Thumb spielt. In meinem Fiebertaumel war ich ganz benommen danach, von diesem Konzert, das ganz wahnsinnig war, gefährlich und wild, das vor allem keiner ersichtlichen Ordnung folgte, ein anarchischer Tumult zwischen diesen karg bewachsenen Wüstenhügeln.
Gestern sass nun an einem Tisch in der Koninklijke Schouwburg Sam Cutler, er war 1969 Tourmanager der Rolling Stones gewesen. Nun hat er ein Buch geschrieben über diese Zeit, damals. Er trägt schwere Ringe an der Hand und ich bin erstaunt, dass dieser Sam Cutler so munter da auf der Bühne sitzt und doch schon 1969 munter erlebt hat, was für mich als Spätgeborene weit entfernt in der Geschichte liegt.
An Altamont muss ich an diesem Abend auch später hin und wieder denken, muss ich sowieso oft denken, wenn ich in Konzerthallen stehe. Manchmal machen sie mich wütend oder vielleicht auch nur müde, die Konzerthallen und die damit verbundenen Rituale, die jedes Mal wieder reproduziert werden – vom Betreten des Raumes bis zum letzten Applaus – jedes Mal neu hergestellt oder inszeniert vielleicht: als grosses Spektakel. Manchmal wünschte ich mir, dass die Choreografie der Scheinwerfer für einen Moment aussetze, dass etwas Unerwartetes geschehe (Ich erinnere mich an Scout Niblett, die die Bühne einmal nach vier Lieder wieder verlassen hat), dass das Publikum ein paar Stühle zertrümmere oder einmal kurz zögere vor dem nächsten Applaus wenigstens, dass ein Verwegener auf die Bühne klettere und irgendetwas ins Mikrophon rufe.
Das Konzert beim Altamont Speedway ist vielleicht ein schlechtes Beispiel dafür. Die Hells Angels mit ihren angespitzten Billardstöcken, die versunkenen Gesichter, dann die weitaufgerissenen Augen, dieses besinnungslose Tohuwabohu hat mich damals in meinem sommerlichen Dämmerschlaf erschreckt. Trotzdem sind mir heute oft jene Augenblicke am liebsten, in denen das perfekte Spektakel gestört wird, für eine kurze Zeit unterbrochen – so wie es auch im Theater dann am spannendsten ist, wenn ich mir nicht sicher bin, ob eine Schauspielerin gerade ihre Rolle spielt oder sich selbst, wenn der Souffleur ein Wort in den stillen Raum flüstert. Ein kleines Stolpern in der Inszenierung ab und zu.
Und als ich also gestern Abend so grübelte und zum Hotel schlenderte, an Altamont dachte und an Scout Niblett, an Sam Cutler, und die Hells Angels, an das Jahr 1969 und an das Jahr 2010, an die schönen Konzerte an diesem Abend, als ich über die Anzahl möglicher Kombinationen der weissen, roten und gelben Scheinwerfer nachdachte und darüber, ob diese ritualisierten Handlungen in einem direkten Zusammenhang stehen mit dem Bedürfnis des Menschen nach Sicherheit (ja, sehr philosophisch war ich gesinnt so spät des Nachts!), dachte ich auch, dass vielleicht der beste Moment des Abends jener war, als Jesse Malin & The St. Marks Social ihre Instrumente stimmten, ab und zu ein paar Wörter in die Mikrophone brüllten und eins, zwei Mal aufs Schlagzeug eindroschen zum soundcheck, tchak tchak tchak. Ihre Frisuren waren irgendwie cool und überhaupt waren sie cool, die Kragen hochgeschlagen und so. Das war eine kleine Show vor der Show, eine zufällige, ungeplante und alle gaben dabei ihr Bestes. Es wäre auch ganz einfach gewesen, verwegen auf die Bühne zu klettern und etwas ins Mikrophon zu rufen, ich hatte schon die Jacke ausgezogen und die Ärmel hochgekrempelt, aber dann war der Moment auch schon wieder vorbei.

























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