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Interview mit einem Dichter

21 November 2010

Theodor Emil Geer sitzt neben mir im Bus nach Antwerpen. Er trägt eine blaue Strickjacke und schaut nachdenklich aus dem Fenster. Ein Dichter! Vor den Fenstern: ein Kran, die obersten Etagen der City Hall heute leer weil Sonntag, vor klar blauem Himmel und ja, ein Vogel, direkt von der See her geflogen. Der Bus dreht noch eine Runde einmal ums Hotel und fährt dann fort und aus der Stadt hinaus.

Elmiger: Theodor Geer, Ihr Nachname klingt niederländisch. Geer: Da haben Sie recht. Aber nein, ich komme aus dem Land der Eidgenossen, missus! Elmiger: Wie fühlen Sie sich jetzt, da Sie sich in der Europäischen Union befinden? Geer: Oh, ganz gut. Meine wichtigsten Wertsachen habe ich sowieso zu Hause gelassen. Und gestern Abend wurde mir ein feines Stück Kuchen serviert, angeblich aus hundert dünnen Schichten gebacken. Elmiger: Es lässt sich also auch im europäischen Ausland gut leben.

Geer antwortet nicht und schaut wiederum etwas wehmütig aus dem Busfenster. John Cooper Clarke und Mister Cutler ziehen gerade in der hintersten Reihe ihre Stiefel aus und pfeiffen ein Lied auf ihren Kämmen.

Elmiger: Und nun, Crossing Border. Was sagen Sie dazu? Geer: Nun, was mir gefällt, das ist der frühe Morgen über der City Hall. Ausserdem ein Lied mit Namen I Get Low, das hat die Band Timber Timbre in der Duitse Kerk gespielt. Mir haben die vier jungen Herren gefallen, die gestern spät wie von Sinnen in einer Loge getanzt haben und die schöne Stimme einer jungen Dame. Sie sang in einer Band, die heisst Ich bin Eiche, so ungefähr. Ich - Elmiger: Theodor Geer, sprechen sie jetzt als Dichter oder als Privatperson?

Geer zieht aus seinem Rucksack einen Plastikbeutel, der gefüllt ist mit kleinen Kuchenstücken. Draussen ein Fliessgewässer. Jemand hatte mir am Vorabend erzählt, es wäre das letzte natürliche Habitat des Storchelfisches.

Geer: Sie haben Glück, dass mich dieser zuvor erwähnte Kuchen so gnädig stimmt. Ihre Frage zeugt von einer gewissen Ignoranz: Es gibt nun doch eben gerade diese Trennung nicht zwischen der Welt und der Literatur! Elmiger: Meine Frage sollte ja - Geer: Bitte, Frau Elmiger. Entweder lassen Sie mich nun Ihre Frage beantworten oder ich muss Sie bitten, mich in Ruhe meinen Kuchen essen zu lassen. Also. Was mir gefällt, wie bereits gesagt: dieser Kuchen, I Get Low, die Herren aus der Loge und die Frau in den Ästen der Eiche. Weiter auch die Stille im kleinen Gärtchen hinter der Kuchentheke, die Pancakes für Zwergen, die zum Frühstück immer serviert werden. Storchelfische. Das Kabelgewirr, das so unverständlich da liegt, wie man es sich immer vorstellt, doch selten selbst zu Auge bekommt und immer weiter sich windet durch die Gänge, über Treppen hinab, in die Wände hinein, ja: In den Kabeln surrt doch ein Bienenschwarm! Weiter: Die gute Luft im Koorenhuis. Ein  nächtlicher Spaziergang über den Platz auf das blaue Hotel zu und über mir ein Satellit: Gut' Nacht, gut Nacht! Ich hoffe, das reicht nun. Ich bin erschöpft und das Leben ist kurz. Mister Cutler zieht schon seine Stiefel wieder an und da, da ist Antwerpen, Mademoiselle.

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