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olga - blog 4
16 November 2015
Ich habe gestern lange über den Gegensatz zwischen einem Literaturfestival und einer Buchmesse nachgedacht, weshalb man nach einem Festival gut gelaunt ins Flugzeug steigt und sich nach einer Buchmesse am liebsten umbringen würde. Ich liebe Literaturfestivals, aber auch Buchhandlungen und Bibliotheken. Meine Mutter hat mich mit Büchern gefüttert – sie waren Nahrung und das Fundament meiner Erziehung: Als ich neuen war, gab sie mir Feuchtwanger, mit zehn Balzac und Hašek, später Kafka und Zweig. Feuchtwanger ersetzte in unserem Haushalt religiöse Erziehung und ich befürchte, dass ich zu viel von Stefan Zweigs „Brief einer Unbekannten“ über Liebesbeziehungen lernte. Heute Morgen, stieg ich zusammen mit der Legende Abraham B. Jehoshua in den Bus zum Flughafen und konnte mein Glück gar nicht fassen. Neben ihm zu sitzen war surreal. Mit ihm zu sprechen noch mehr.
Buchmessen sind allerdings eine Sache für sich. Meine These ist, dass es um dort am wenigsten um Literatur geht, zumindest nicht auf der größten Messe in Frankfurt. Hier werden Auslandsrechte verhandelt, Preise verteilt und neue Trends ausgemacht. Agenten und Verlegen flüstern einem immer wieder zu, dass dies definitiv der falsche Ort für Autoren sei. Ich fürchte, sie haben nicht gänzlich Unrecht. In Frankfurt geht es vor allem ums Geschäft, und das ist mit Belletristik nicht zu machen.
Buchmessen sind ungesund, ermüdend und hervorragend konsumierbar. Man lernt hier keine Literatur kennen, sämtliche Lesungen finden im Vorbeigehen statt. Die Aufmerksamkeitsspanne der Zuschauer beträgt selten mehr als 10 Minuten. Dennoch ist eine Messe, genauso wie ein Festival auch so etwas wie ein großer Abenteuerspielplatz mit einem Hauch von Klassenfahrt. Man trifft jedes Jahr wieder auf Leute aus der ganzen Welt, die ausländischen Verleger, Agenten, Buchhändler und Journalisten. Auf den Gängen verabredet man sich zu Kaffee oder zum gemeinsamen Besuch einen der zahlreichen Empfänge oder Partys. Gegen Ende der Messe werden die Nächte immer kürzer, die Augenringe dunkler und man selbst immer alberner. Die traditionelle jüdische Abschiedsfloskel am Ende des Pessach-Seders lautet: „Nächstes Jahr in Jerusalem“ – aus der Buchmesse kann man sich relativ sicher sein, einander auch im nächsten Jahr wieder zu begegnen.
Ein sehr deutsches Detail ist zudem der Überschuss von Manga-Kids – sowohl in Frankfurt als auch in Leipzig schieben sich ganze Schare von Jugendlichen in selbstgenähten Manga-Kostümen durch die engen Gänge. Zugegebenermaßen ist ihr Anblick manchmal grotesk, die besten Situationen ergeben sich, wie so oft in den Schlangen vor den Damentoiletten – pummelige Teenager bemalen ihre Körper mit blauer Farbe, richten ihre Hobbitsohren und Plastikschwänze neben schlanken älteren Damen, die ihre Lippen mit Chanellippenstiften nachzuzeichnen und versuchen die Jugend in philosophische Gespräche über Fantasy zu verwickeln. Was sie auf der Buchmesse machen, kann ich leider nicht erklären: Früher wurde jedem Kostümierten frier Eintritt gewährt, das drückte das Durchschnittsalter in den Statistiken.
Dies war ein großartiges Festival, und ich möchte mich bei all den Menschen bedanken, die dieses Erlebnis möglich gemacht haben und meine Texte wundervoll Tag für Tag übersetzten.

























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