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Portrait of Olga Grjasnowa

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Joëlle Feijen (NL)

Olga Grjasnowa - proloog

06 October 2015

Im Moment genieße ich noch die letzten Sonnentage in Berlin und frage mich jeden Tag wann der Herbst in den Winter übergehen wird. Täglich wird es kälter, womit dies in Berlin in diesen Tagen durchaus auch die soziale Kälte miteinbezieht. Deutschland möchte nicht teilen, und schon gar nicht mit Neuankömmlingen. Dies wird ihnen und uns mittlerweile an jeder Straßenecke und Zeitungsschlagzeile vor die Augen geführt.

Umso mehr freue ich mich auf das bevorstehende Festival. Es ist eine wundervolle Gelegenheit viele Freunde wiederzusehen, neue zu finden, spannende Lesungen und Konzerte zu besuchen. Die Erwartungen sind natürlich sehr hoch, aber das ist etwas Gutes. Zumindest in diesem Fall ist es unwahrscheinlich, dass man enttäuscht wird. Ausgerechnet dieses Festival hat durchaus etwas von einer Klassenfahrt, viele Freunde, ausgezeichnete Lesungen und Bands, die ich schon immer sehen wollte und große teenagerhafte Vorfreude. Ja, ich kann es auch kaum erwarten wieder in die Niederlande zu reisen, im letztem Jahr hatte ich die Gelegenheit einen Monat lang im Amsterdam zu verbringen – auf die Einladung des Nederlands Letterenfonds – es war unglaublich. Einer der schönsten Frühlinge meines Lebens, einer in dem der Sommer noch bevorstand und noch besser zu werden versprach. Nicht nur die großartige Wohnung mitten in der Stadt, sondern auch die wundervolle Betreuung durch Orli Austen, meine Übersetzerin Josephine Rijnaarts und meinem niederländischen Verlag De Bezig Bij haben diesen Monat für mich zu einer einzigartigen Erlebnis gemacht. Es ist nur schade, dass es nach dem Wochenende schon wieder vorbei sein wird. Das Gute ist, dass wir alle satt erlebnisssatt zu unseren Heimen zurückkehren werden.

Obwohl es schon zu kalt ist, sitze auf meinem Balkon und schaue auf die Bäckerei „Teehaus Baku“. Mit Baku oder gar Aserbaidschan hat der Laden jedoch kaum etwas zu tun – er bietet ausschließlich türkische Backwaren, die von einem Lieferwagen mit der Aufschrift „Backservice Hass“ jeden Morgen um fünf geliefert wird, und die eine oder andere Bretzel an. Selbst die Brötchen kann man an der Hand abzählen. Als ich einmal nach Pachlava, der aserbaidschanischen Spezialität schlechthin fragte, schaute die Verkäuferin mich entgeistert an. Wahrscheinlich hat sie mich für eine unverbesserliche Optimistin gehalten. In Amsterdam gab es in einer ruhigen Nebenstraße von meiner  temporären Wohnung eine winzige Bäckerei, die nichts außer einer Art von Schokoladenkeksen herstellte, deren Geschmack unheimlich köstlich war. Auch die Bäckerei „Damaskus“ ein paar Häuser weiter von unserer Berliner Wohnung wurde zu einem privaten Wohnzimmer umfunktioniert, ohne dass jemand das auf die Süß- und Backwaren verweisende Schild abmontiert hätte. Ironischerweise könnten diese Referenzen nicht offensichtlicher sein – Baku, die Stadt meiner Kindheit, die noch existiert, aber nicht mehr so, wie ich sie kenne und Damaskus, die Stadt meines Mannes, die schon längst dicht gemacht wurde. In unserer Straße ist ohnehin vieles Fassade.

Meine Tochter, für die die Reise nach Den Haag die erste Reise ins Ausland überhaupt sein wird, wurde allerdings in diesem Stadtviertel geboren. Noch gibt es für sie keine Vergangenheit, die in einer anderen Sprache und auf einem anderen Kontinent stattgefunden hat. Das Gemüse hat immer ein wenig fad, eben wie das deutsche Gemüse es so an sich hat, geschmeckt und der auch der Himmel war meistens gräulich trüb. Sie wird sich nicht darüber wundern, dass das Bordell nebenan diskret um Kunden wird und das thailändische Massagestudio in ihrem Schaufenster vor allem darüber Auskunft, dass drinnen keine Erotik stattfinde. Viele Anwohner unseren Blocks sitzen abends vor einem rumänischen Delikatessenwarenladen auf der Straße, knacken Sonnenblumenkerne und erfreuen sich an sehr sauber gekleideten und ganz und gar entzückenden Kindern. Dazwischen rasen amerikanische Künstlerinnen auf Rennrändern zu ihren Projekten. Was wahrscheinlich die beste Art der Fortbewegung in dieser Stadt ist, nur habe ich leider ganz unniederländisch Angst vor Fahrradfahren in den Großstädten. Der Verkehr in unserer Straße wird von einem einzigen Verkehrsmittel dominiert, dem Bus M41. Dieser Bus ist die Höhle, er verkehrt äußerst unregelmäßig, ist dementsprechend natürlich auch immer überfüllt, hat die unmenschlichsten und unfreundlichsten Busfahrer der gesamten Republik und ein verzweifeltes Klientel. Doch schon bald werde ich in die M41 steigen, meinen Koffer zwischen die Knie anderer Fahrgäste klemmen und zum Flughafen fahren.

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