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olga - blog 2
13 November 2015
Wenn man Mutter wird durchläuft man mehrere Metamorphosen, physisch natürlich, aber auch psychisch. Man geht an Grenzen, von deren Existenz man noch nicht mal geahnt hat. Doch es gibt eine, mit der ich zwar gerechnet hatte, deren Heftigkeit mich aber dennoch überrollt hat: Die Metamorphose der arbeitenden Frau. Es fängt mit Lektor*innen an, die Sätze sagen wie: „Wir haben hinter deinen Namen erst mal ein Fragezeichen gesetzt, jetzt, wo du schwanger bist“, über Moderator*innen die bei Lesungen feststellen, dass man natürlich nicht mehr schreibt, da wo man ein kleines Kind zu Hause hat. Veranstalter*innen, die Sätze heraushauen wie: „Na ja, bei der Veranstaltung geht es ums Networking, da musst nicht hin, dreh doch eine Runde mit dem Kinderwagen.“ Passiert es auch Männern? Eher nicht. Ich werde für meinen nächsten Eintrag eine repräsentative Umfrage unter den Vätern dieses Festivals durchführen, aber ich denke, in ihrem Fall ist es eher süß und niedlich, dass sie sich um die Kleinen kümmern. Manch einer lässt sich dann sogar dazu hinreißen, dem Kind über den Kopf zu streicheln. Zum Glück lassen die meisten nun von Bonbons ab.
Ein Literaturfestival ist natürlich ein Extrem (man darf endlich den besagten Kinderwagen schieben und womöglich einen anderen treffen) – und wie in jedem Fall gibt, es auch hier Gute, wo man mit einem Kind herzlich empfangen wird und als Autorin wahrgenommen wird. Wo das Kind nicht gegen das Geschlecht aufgerechnet wird. Dann gibt es natürlich die weniger gelungenen Fälle, Festivals, von denen man am liebsten sofort wieder abreisen würde und ganz sicher gar nicht erst gekommen wäre, wenn man vorher gewusst hätte, dass man ohnehin an keinem Abendessen und keiner Veranstaltung teilnehmen sollte, da man die Gruppendynamik störe. Der neue kanadische Premier sagt, es sei 2015, ich befinde mich gerade in den 50gern. Ich weiß nicht, woher diese Idee kommt, dass man bei der Geburt Gehirnzellen verliert. Ich weiß nicht, weshalb man noch immer versucht, Frauen zu entmündigen, wenn es um das Thema Mutterschaft geht, entweder wenn sie keine Kinder haben, keine Kinder wollen, oder welche haben und dann arbeiten oder eben nicht. Aber ob sie arbeiten und wie viel, das kann man auch noch locker für die Frau entscheiden. Nur das Elterngeld oder die Lände des Mutterschutzes darf sie sich nicht aussuchen.
Eines ist sicher, man wird komisch betrachtet, wenn man Kinder hat, so als ob man sich ins soziale und berufliche Sibirien verabschiedet hätte und wenn man keine hat, als ob man sich ins soziale und ethische Sibirien verabschiedet hätte. Mutterschaft wird als ein öffentliches Gut wahrgenommen, jeder redet mit, jeder weiß es besser, nur nicht die Mutter selbst. Aber dafür hat sie nun einen Mutterinstinkt und darf sich ein hellblaues oder eine altrosa Bärchen aussuchen. Wobei ich nichts gegen Bären habe, selbst wenn sie hellblau oder altrosa sind. Wenn es um Probleme der Struktur des Arbeits- und Kunstmarktes geht, schweigen die meisten Bärenliebhaber. In Deutschland ist es Usus keine Frauen zwischen fünfundzwanzig und fünfunddreißig einzustellen, da sie Kinder bekommen könnten. Vorsichthalber bezahlt man sie auch schlechter. Man weiß ja nie. Doch ja, es ist 2015: Nicht die Frauen haben sich schon wieder zu ändern, sondern ihre Arbeitsbedingungen. Diese sind öffentlich.

























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