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26 November 2015

In Den Haag wurde ich 31 Jahre alt, merkwürdigerweise ist der 31gste Geburtstag viel schwerwiegender als der 30gste. Im Zuge des Älter-Werdens habe mit meiner Tochter eine meiner prägendsten Kindheitserinnerungen simuliert. Wir haben uns gemeinsam einen Zeichentrickfilm angeschaut. Der sowjetische Zeichentrickfilm Chipollino wurde nach dem Kinderbuch von Gianni Rodari (Le avventure di Cipollino ) 1961 gemalt. Regie führte Boris Dezkin. In Chipollino (von ital. Chipolla – Zwiebel) werden gesellschaftliche Verhältnisse dialektisch aufgearbeitet, verkörpert durch Obst und Gemüse.

In einem fernen Königreich tobt der Klassenkampf zwischen dem Gemüse und den Früchten. Chipollino, die fröhliche working class Zwiebel, tritt während einer Militärparade versehentlich Prinz Zitrone auf den Fuß. Chipollinos alter, gebrechlicher Vater nimmt die Schuld auf sich und wird sofort ins Gefängnis geworfen. Die Gerüchte im Königreich bauschen sich auf, die „Alte“ Zwiebel habe ein Attentat geplant, ein gefährlicher Terrorist sei er, der weggesperrt und nie mehr rausgelassen gehört. Was Chipollino indessen am meisten zu schaffen macht, ist, dass sein Vater von Verbrechern umgeben wird. Doch dieser entgegnet ihm während eines Gefängnisbesuches seelenruhig: „Ach wo, das sind hier alles ehrliche Menschen.“

Weitere Ungerechtigkeiten folgen, die Hütte, in der Kürbis wohnt, wird konfisziert, da sie angeblich illegal gebaut wurde. In sie wird ein Wachhund gesetzt, der alle verdächtigen Personen zu melden hat. Das Gemüse radikalisiert sich, Kürbis und andere Freunde von Chipollino gehen in den Untergrund. Mit Hilfe einer List gelingt es ihnen sogar, die Hütte von Kürbis wieder zu erobern und im Wald zu verstecken, auch Chipollinos Vater wird aus dem Gefängnis befreit. Prinz Zitrone und sein Handlanger Tomate verschärfen die Kontrollen und starten eine Großfahndung, die durchaus Züge der heutigen Rasterfahndung trägt. Aus dem Ausland wird ein berühmter Fahnder eingeladen und der Adel (Kirschen) flieht vorsorglich aus dem Königreich. Chipollino und seine Helfer werden geschnappt, genau wie viele Unschuldige Bürger auch. Musiknoten werden mit der Begründung, sie seien verschlüsselte Nachtrichten konfisziert und Kürbis Hütte im Wald entdeckt. Nebenbei bemerkt: Die großartige Musik zum Film stammt von Karen Surenowitsch Chatschaturjan, einem Schüler Schostakowitschs.

Die adligen Kirschen sind zwei ältere Jungfer, die gleich siamesischen Zwillingen oder eben doch Kirschen am Kopf zusammengewachsen sind. Ihr Neffe, die kleine Kirche ist ein sensibler, schmaler und gutgläubiger Junge in kurzen Hosen. Natürlich verrät er seine Tanten und schlägt sich auf die Seite der Revolution. In einer griechischen Tragödie würde er für diesen Verrat bitter büßen, Freud wäre noch genauer auf seine Tanten eingegangen, doch der Kommunismus belohnt ihn einfach nur.

Natürlich geht alles gut aus und gut bedeutet in diesem Fall – Weltrevolution und der Aufbau einer neuen, gerechteren Gesellschaft. Die Tomate platzt, die Kirchen bleiben im Ausland und alle bauen. Ich hatte schon immer etwas gegen die kleine Zwiebel und ich denke bereits seit mindestens einem Vierteljahrzehnt darüber nach, was es sein könnte. Die kleine Kirsche hatte schon immer meine vollste Sympathie, vielleicht weil er so zerbrechlich und intellektuell aussieht, der Held dagegen nur grob. Vielleicht wirkt er einfach weniger bedrohlich. Trotzdem habe ich den Zeichentrickfilm schon an die vierzig Mal gesehen und kurz vor dem Happy End ist meine Tochter eingeschlafen.

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