GESCHREVEN DOOR

Fatma Aydemir (DE)
VERTAALD DOOR

Elbert Besaris (NL)
3766-2
05 November 2017
„Hast du ein Buch gekauft?“
„Ja“, sage ich überglücklich.
(Ich bin nämlich ein bisschen kaufsüchtig.)
„Welches denn?“
„Es ist von Margo Jefferson. Sie ist auch hier auf dem Festival.“
„Cool. Wie heißt es?“
„Sorry?“ sage ich, als hätte ich die Frage nicht verstanden.
„Wie heißt das Buch?“
„Ähm.. es sind ihre Memoiren.“ Ich zögere. „Warte, ich zeige es dir.“
Zustimmendes Nicken, interessierter Blick.
Am Abend darauf, auf dem Weg zum Humanity House, beginnt es in Strömen zu regnen. Ich finde Zuflucht in einer Tiefgarageneinfahrt, rauche eine Zigarette und höre zu. Das Prasseln der Regentropfen. Fluchende Mädchen auf dem Nachhauseweg. Türkische Popmusik aus einem vorbeifahrenden Auto. Es regnet weiter. Ich krame das Buch, dessen Namen ich nicht aussprechen kann, aus meiner Tasche, schlage es auf:
„I was taught to avoid showing off.“
Ein wahnsinnig starker Satz. Ein erster Satz, in dem die ganze Geschichte steckt: Privilegien, Status, die Angst vor Verlust. Auf dem Cover eine lächelnde Frau im schicken Kostüm. Weiße Handschuhe. Die 50er-Jahre.
Ich sitze auf den Holztreppen des Humanity House und starre auf Margo Jeffersons saphirblaue Schuhe. Die 70-Jährige kleidet sich schlicht und ziemlich cool. Ihr Afro strahlt in Gold, wie die Krone einer Königin. Als sie klein war, musste sie sich die Haare glätten lassen, erzählt uns Jefferson direkt zu Beginn. Das sei ihren Eltern sehr wichtig gewesen.
„Wir mussten nicht nur weiß aussehen. Es war ein sehr spezifischer weißer Look, an dem wir uns orientierten.“
Die afroamerikanische Theaterkritikerin ist in einer Upper-Middle-Class Familie im Chicago der 50er-Jahre aufgewachsen. Sie wohnte in einer guten Gegend, ging auf eine gute Schule und hatte weiße Freundinnen – ganz im Gegensatz zu den meisten anderen schwarzen Kinder ihrer Generation. Und genau davon handelt Jeffersons Buch im Grunde. Von einem Leben, das dem Stereotyp widerspricht, und doch immer wieder mit dem Stereotyp zu kämpfen hat. Von der Überlagerung ethnischer Herkunft durch die soziale Schicht.
Sie erzählt, wie ihr beigebracht wurde, in Sprache und Benehmen so wenig wie möglich aufzufallen, so perfekt wie möglich zu sein.
„Hatte ich eine schlechte Note in der Schule, sagte meine Mutter: 'Jetzt denkt dein Lehrer, schwarze Kinder sind dumm.' Wir waren Stellvertreter für eine ganze Bevölkerungsgruppe. Alles, was wir taten, war symbolisch“, sagt sie.
Später war Jefferson aktiv in der Black-Power-Bewegung. Ihre privilegierte Kindheit hielt sie letztlich nicht davon ab, gegen ungleiche Machtverhältnisse zu protestieren. Als Frau, als schwarze Frau erfährt sie Unterdürckung nämlich auch in so genannten „aufgeklärten“ Kontexten.
Der Buchtitel, den ich nicht aussprechen kann, lautet übrigens: „Negroland“. Und Jefferson entlehnte ihn aus eben jener selbstermächtigenden Zeit, in der die Black-Power-Bewegung das Wort „Negro“ (mit großem N) als politischen Begriff verwendete. Später wurde aus der Selbstbezeichnung „Negro“ irgendwann „Black“, und schließlich „Afroamerican“. Doch will der Buchtitel, erklärt Jefferson, explizit eine bestimmte historische Periode beschreiben.
„Und ja, er will unbequem sein.“
Ich glaube, ich werde nicht die einzige sein, die beim Lesen in der Straßenbahn darüber nachdenkt, den Titel zu verdecken.

























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