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GESCHREVEN DOOR

Olivia Wenzel

(DE)

VERTAALD DOOR

Peter Huijzer

(NL)

Olivia Wenzel - 5

14 November 2021

lieber peter,
ich sitze im flugzeug zurück nach berlin und denke berauscht an die vergangenen tage. krachende intensitäten hatte ich mir gewünscht und habe sie bekommen. so krachend, dass ich gar nicht schlafen konnte letzte nacht. heute möchte ich dir ein paar ehrliche zeilen schreiben, no teasing, no bullshit today.

wir sprachen gestern kurz über die philosophie des körpers, der du als dozent an einer volkshochschule bald mit student:innen nachgehen wirst, über ein archiv der berührungen, das mich umtreibt und das ich mir in einer form, die mir noch nicht ganz klar ist, erarbeiten will. und wir versuchten über das zu sprechen, wofür es keine worte gibt und kein denken. dieses unsagbare, vielgestaltige, sich ständig transformierende, nicht mit logik erfassbare, für das wir begriffe benutzen wie: dynamik in gruppen, vibes, energien, stimmungen, ballungen, wallungen, stimuli, input, resonanzen, reize, unvorhersehbarkeiten, overwhelming, affirmation. dieses unsagbare berührt uns an stellen, die wir ohne andere niemals berühren könnten. ich möchte dir gern schreiben, was mich in diesen viel zu kurzen tagen berührt hat. und vielleicht findet sich in den worten, die ich leider immer nur unzulänglich benutzen kann, eine wahrheit wieder, die du (er-)kennst:

- die abschiedsumarmung, die mir N gibt, so warm, so ausgiebig, so heartfelt. ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte mal derart umfassend gehalten wurde. in dieser umarmung kann ich loslassen und bleiben.

- eine kleine traurigkeit darüber, dass X mir sagt, ich sei die einzige person hier beim festival, die von ihrer schwangerschaft wisse. und dass ich es bitte niemandem sagen solle; sie fürchte, sie bekomme dann erstmal keine weiteren jobs.

- meine unverhältnismäßig große verärgerung darüber, dass L auf der party des mannes, der zu meinem bedauern schwul ist, etliche kleinigkeiten geklaut und sie später stolz in seinem hotelzimmer ein paar leuten präsentiert hat. die karte eines kartendecks, einen würfel, solche dinge. als ich ihn zur rede stelle, gibt er sich reumütig und sagt, er werde alles zurück geben; es stecke bereits in einem umschlag. seine reue kommt mir unglaubwürdig vor.

- meine grenzenlose euphorie, als ich am ersten abend, an dem es live konzerte gibt, betrunken zu S und später zu J's musik tanze. tanzen, springen, begeistert sein und begeistert diese eigene begeisterung aus sich heraus kreischen - ich wusste nicht, wie sehr mir das gefehlt hat.

- meine grenzenlose bewunderung für M, der aus mauretanien per zoom zugeschaltet ist. 14 jahre lang saß er in guantánamo, wurde gefoltert, sexuell missbraucht, isoliert, ohne jemals irgendein verbrechen begangen zu haben. er erzählt, als er zum ersten mal sicher war, dass er jetzt sterben würde, habe er nur eine sache bereut: “to not have been kinder to people. so i took a vow of kindness and swore to myself: if god will ever let me out of here, i will be kinder to people.”

- ein gedanke: vielleicht hätte ich etwas freundlicher zu dir sein sollen. manchmal halte ich freundlichkeit für ein zeichen von schwäche. sie könnte auch das gegenteil sein.

- meine arroganz und meine gewissheit, die gestern abend ein wenig verschütt gingen: menschen, die auf bühnen aus ihren büchern lesen, und über ihre arbeit und ihre wahrnehmungen der welt sprechen, können genau so tief in mich dringen oder in mir klingen, wie ein live-konzert das kann. musik ist nicht alles, nicht für mich. musik ist keine konkurrenz, nicht für mein schreiben; da lag ich falsch in letzter zeit. eine spröde, konventionelle wasserglaslesung kann alles sein, was ich brauche. wenn P und N und T in ihren sprachen mit ihren körpern die eigenen texte lesen, bin ich auf eine art an ihnen dran, die keinen raum zwischen uns lässt: ich lausche und vergesse mich selbst, bin nur bei ihnen, bin weg.

- noch ein gedanke: vielleicht ist mir meine extrem privilegierte position etwas zu kopf gestiegen. ich bemitleide mich dafür, hin und wieder in öffentlichkeiten auf das thema rassismus reduziert zu werden, während ein mensch wie M ständig die geschichte seiner qualvollen 14-jährigen gefangenschaft nacherzählt. und sichtlich müde davon ist. und dennoch für seine sache kämpft und brennt.

- meine tränen, die dir gelten, lieber peter, nachdem du mir etwas anvertraut hast, das uns verbindet und für immer verlassen macht. ich wünsche dir kraft für alles.

WAT HEEFT DIT VERHAAL GEÏNSPIREERD?

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