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GESCHREVEN DOOR

Olivia Wenzel

(DE)

VERTAALD DOOR

Peter Huijzer

(NL)

Olivia Wenzel - 1

4 November 2021

letztens saß ich beim brunch mit einer freundin, die kurz in berlin zu besuch war, und fiel aus allen wolken. mein frisch gepresster o-saft war fast leer, als sie fragte:

na? wollen wir heute noch in eine ausstellung gehen?

einfach so, als wäre das normal.

erst da wurde mir klar, dass ich verlernt hatte, kultur zu konsumieren. dass ich spontan, unvorbereitet, selbstverständlich und analog, an einem beliebigen samstag eine beliebige ausstellung besuchen könnte - diese möglichkeit war mir abhanden gekommen, ich hatte sie verloren.

wir gingen dann in die ausstellung “offener prozess” am berliner maxim gorki theater - eine ausstellung zur aufarbeitung des nsu-komplexes. (nsu steht für “national sozialistischer untergrund”: drei weiße menschen aus jena tauchten um 1999 ab, und ermordeten zwischen 2000 und 2007 zehn menschen. 9 davon waren männlich und hatten sichtbaren migrationshintergrund, eine weitere person war eine weiße polizistin. ihren namen kennen in deutschland bis heute sehr viele menschen, genau wie die namen der täter:innen. außerdem verübte der nsu diverse sprengstoffanschläge, zahlreiche mordversuche und raubüberfälle. dass zwei weiße männer aus jena so lange unentdeckt und unbehelligtsystematisch menschen ermorden konnten, war nur möglich, weil sie ein umfeld von 100 bis 200 unterstützer:innen hatten - darunter menschen in deutschen behörden, v-männer und funktionäre rechter parteien.)

zwei arbeiten in der ausstellung kamen mir nah:

in einer art lehrvideo spricht ülkü süngün die namen der 10 ermordeten richtig aus. sie wiederholt die namen der söhne, brüder, ehemänner und väter in sachlichem, dennoch freundlichem ton, und holt damit nach, was deutsche medien versäumten. in einer anderen arbeit richtet belit sağ einen genauen blick auf die veröffentlichten fotos der ermordeten. sie kommentiert die bearbeitungsformen der einzelnen bilder und macht dadurch sichtbar, was “uns” bisher gezeigt wurde. dadurch begreife ich: es ist kein zufall, dass mich die bilder der ermordeten- zum teil mehrfach und zu dunkel kopiert - in ihrer ästhetik an mugshots erinnern, während ich - wenn ich an fotos des nsu denke - nur verschmitzt grinsende, im camper den sommerurlaub genießende weiße männer vor mir sehe.

nach der ausstellung ging ich mit meiner freundin noch sushi essen, bevor ich sie zum zug brachte. am abend war ich zu einem geburtstagsdinner eingeladen, von dem aus ich nachts auf eine privatparty in einer überfüllten altbau-wohnung geriet: betrunken tanzende menschen, alle in socken auf klebrigen dielen, in einem extra dafür freigeräumten zimmer. menschen, die sich in der küche aneinander vorbei drängten, weil sie hofften, im kühlschrank noch mehr alkohol zu finden, warteschlangen vor dem klo - fantastisch. dieser tag war ein tag, wie ich ihn seit monaten, vielleicht vielleicht jahren nicht mehr erlebt habe. seine unvorhersehbarkeit, seine unterschiedlichen intensitäten, das nahe beieinander von konsum und banalität, von schmerz und euphorie, die abrupte, vermeintliche abwesenheit der corona-routinen - es hat viel in mir bewegt. und vielleicht schreibe ich das gerade auf, weil ich mir in meiner vorfreude auf crossing border (ghostpoet! colson whitehead!) ähnliches erhoffe: krachende intensitäten, unvorhersehbarkeiten, randvolle tage, ausnahmezustände vom alltag gewordenen ausnahmezustand ... wahrscheinlicher aber ist, dass ich all das gerade aufschreibe, weil ich etwas aufschreiben soll. denn als ich die schöne einladung fürs festival annahm, ahnte ich noch nicht, dass ich dafür fünf texte verfassen müsste, idealerweise mit je 500-600 wörtern je blog. hier sitze ich also im schlafanzug, mit mundgeruch und einer deadline im nacken, und starre auf meinen rechner. und klicke mich durch die festival page. und klicke mich durch alles mögliche. asos shopping bag. nsu komplex. youtube interview mit dem erfinder von “random acts of flyness”. time tree calendar. ebay kleinanzeigen. zalando shopping bag. monki shopping bag. und ich klicke und tippe und beginne auf englisch zu denken: i sit in front of my macbook, again, always, all the time now. it never ends, es hört nicht auf. das eigene leben online verwalten und gestalten und kommunizieren: ein endloses labyrinth aus ineinander laufenden to do's. i'm so tired of this ... vielleicht sagen meine offenen tabs auf dem bildschirm mehr über eine gegenwart aus, als ich es derzeit aus dem stegreif könnte? vielleicht wäre es sinnvoller zu beschreiben, was sie zeigen, als irgendeinen tag?

WAT HEEFT DIT VERHAAL GEÏNSPIREERD?

Zie The Chronicles live tijdens Crossing Border 2021