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GESCHREVEN DOOR

Olivia Wenzel

(DE)

VERTAALD DOOR

Peter Huijzer

(NL)

Olivia Wenzel - 2

5 November 2021

- ich fahre lange stunden im zug von berlin nach den haag, zum ersten mal in meinem leben in der ersten klasse, sehr früh sehr billig gebucht, awesome. das abteil füllt sich schnell. eine schöne, massige person setzt sich mir gegenüber und verdrängt freundlich, stück um stück, über stunden, meine füße unter dem tisch. nach einer weile sitze ich mit dem laptop auf dem schoß und zurückgezogen in meinen sitz da, schaue mir das erste mal den festival-plan gründlich an. stelle enttäuscht fest, dass ghostpoet parallel zu einem event stattfindet, an dem ich beteiligt sein werde. stelle beinahe ärgerlich fest, dass er am abend davor - freitag abend also - im berliner savvy contemporary live spielt. das savvy: ein guter ort, den ich oft am liebsten umarmt hätte. ein jugendlicher, stark erkälteter skater neben mir schläft mittlerweile so tief, dass er nicht merkt, wie seine hand von der lehne zwischen uns herüber rutscht und sachte meine flanke touchiert.

- das w-lan in der ersten klasse ist das gleiche wie in der zweiten; ghostpoet war zweimal für den mercury prize nominiert, lese ich. dann: der mercury preis, der nichts mit freddy mercury zu tun hat, ist ein alter preis mit renommé. die band gorillas lehnte es einst ab, auf der shortlist zu stehen, sagt wikipedia. ein bandmitglied habe geäußert:

winning the award would be like carrying around a dead albatross around your neck for eternity.

- ein paar ehemalige gewinner für die ewigkeit: young fathers. diese band habe ich mal geliebt - ihre musik, ihre ausgelassenen, energetischen live shows. dann kam spotify und ich vergaß sie; die algorithmen drangen leichter zu mir durch als mein gedächtnis. jetzt klicke und höre ich beseelt ihr konzert bei kexp. warum kommt eigentlich so viel erbärmliche musik aus deutschland? warum gibt es fast nichts, das den young fathers, ghostpoet, the xx oder zighundert anderen britischen bands das wasser reichen könnte? warum habe ich eigentlich aufgehört, musik zu machen? weil ich damals dieses eine und einzige buch, das mir immer wieder neu begegnet und mich einfach nicht loslässt, schreiben musste?

- ein musikvideo der young fathers auf youtube: random visual content wird in lecki lecki ästhetik aneinander montiert. am ende legt der clip seine stilmittel offen und es wird eingeblendet: the act of making people care.

i didn't really care, denke ich, die visuals haben mich nicht gekriegt. eine songzeile

dagegen schon: i wanna be king until i am. die zeile berührt mich an einer unklaren stelle,

i wanna be me until i am.

- als nächstes dann kexp mit psychotic monks. ein user kommentiert treffend: in dieser band wirkt jeder, als wäre er der protagonist.

ich höre und fühle: i wanna be this sound.

- als ich im zug zur toilette gehe, erinnere ich mich an ein gespräch mit einer freundin. sie vertraute mir an, dass sie sich vor langen reisen hin und wieder einen einlauf gemacht habe, präventiv. unterwegs in bus, zug oder flugzeug sei auf langstrecken bei ihr alles wie zugeknotet. da komme einfach nichts raus, egal, wie sehr sie sich entspanne. und irgendwann könne das höllisch weh tun oder sogar gefährlich werden.als ich mich zurück auf meinen platz schiebe, ist der junge skater wach und trinkt coke zero. auf seinem skateboard klebt kein einziger sticker. ich verkneife mir, ihn zu fragen, ob er die netflix-doku shiny flakes kennt, die ich jetzt beginne zu schauen. shiny flakes - der größte online-drogen-store, den deutschland je sah, im alleingang betrieben von einem teenager. über 100 postpakete hat maximilian s. bis zu seiner festnahme täglich gepackt und versandt, über 16.000 bitcoins schon vor jahren gekauft. die ermittler:innen konnten seine wallets bis heute nicht vollständig ausfindig machen, millionär ist er mindestens. der etwas zu selbstsicher wirkende, junge mann erhält online viel zuspruch und respektsbekundungen. auch ich bin beeindruckt, als ich die doku sehe, der skater guckt verstohlen mit.

- ich liege im hotelzimmer und habe den ganzen tag am laptop an einer laudatio gearbeitet, in der ich etwas lobe, von dem ich keine ahnung habe. denn ich habe 2021 diverse jurytätigkeiten angenommen ohne zu überblicken, was das bedeutet. dadurch allerdings unberechenbare dynamiken kollektiver urteilsfindung kennengelernt: oft wird der tote albatros denjenigen um den hals gelegt, auf die sich eine mehrheit, teils recht leidenschaftslos, einigen kann. tote vögel für vernünftige kompromisse, irgendwie gut zu wissen.

- ich liege im hotelzimmer und will noch mal schlafen, ehe ich die übrigen chronicle-kids kennenlerne. schmeiße dann aber doch tinder an; digitale stadtbesichtigung. immer wieder geben personen an, dass sie sich für kunst, politik und craftsbeer interessieren. ansonsten die gleichen gesichter und selfies und posen vor schlafzimmer-spiegeln wie überall:

the act of making people care

about nothing but their own image.

the act of making people into mass produced goods.

the act of making people see themselves

everywhere and always.

- ich sitze im hotelzimmer und habe die anderen chronicle leute getroffen, es war nett. doch die morgendliche deadline drückt, deshalb kein alkohol, kein versacken, nur spröde disziplin. und eine spielerei, für dich, lieber peter, nun hast du drei kleine stunden zum übersetzen dieses viel zu langen, ziellosen texts und musst obendrein mit einem lyrischen gruß enden, ha!

digitale chroniken:

ein toter albatros um den hals

ein protagonist, der jeder sein könnte

auch du

eine zunge, die ein messer kitzelt

petersilie, die sich an zähne schmiegt

wenn menschen nichts als ideen sind

welche will ich sein

wenn menschen nichts als bilder sind

wohin damit

i may not be around but i'm ready to shine

i may not be around but i'm ready to shine

shine shine shiny flakes

rain rain rainy day

outside my window the gray awaits.

WAT HEEFT DIT VERHAAL GEÏNSPIREERD?

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6 November 2021

Olivia Wenzel - 3

lieber peter, guten morgen! today four things might happen: 1. i will torment you with the difficulties of local dialects. 2. i will tell you about a very friendly person i talked to on the phone. 3. my little, boring experiences in the hotel will again melt into a sort of poem. (ha!) 4. i want to admit to you or maybe even say sorry: diese schreibübungen bereiten mir eine, kleine sadistische freude, seit ich begriffen habe, in was für nöte sie dich bringen ...

7 November 2021

Olivia Wenzel - 4

lieber peter, guten morgen! es freut mich, dass du dich dagegen entschieden hast, professionell zu übersetzen (ha!), und im vorigen blogtext etwas hinzu geschrieben hast, das nicht von mir stammt. michel serres kenne ich noch nicht, klingt stark. gestern habe ich dir etwas angekündigt, das ich dann nicht mehr schaffte, aufzuschreiben.

Zie The Chronicles live tijdens Crossing Border 2021